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Kipppunkt

Sich gegenseitig verstärkende Herausforderungen im Spracherwerb

17.04.2023

Ein neuer medialer Ankerpunkt für die Wichtigkeit von DaZ-Unterricht ist aufgetaucht. In einem Presseartikel zeigt sich eine Palette an Beeinträchtigungen für alle SuS, die mit dem steigenden Anteil an mehr- und fremdsprachigen Kinder in unserer Volksschule einhergehen. Und welche Lösungsansätze es gibt.

In der Ausgabe 6 des Beobachters vom 17. März 2023 nimmt uns die Journalistin und Autorin Tanja Polli mit in die Themenwelt des schulischen Spracherwerbs von Deutsch unserer Kinder. In ihrem Artikel unter dem Titel «Spricht hier jemand Deutsch?» wird der DaZ-Unterricht als das zentrale Instrument anerkannt, mit dem der zunehmenden Mehrsprachigkeit unserer Kinder in der Volksschule begegnet wird. Die Autorin beschreibt engagiert und reflektiert nicht nur die Symptome, sondern regt auch Fachpersonen und Forschende mit situativ dringlichen Fragen zu Reaktionen an. Als DaZ-Vorstand und Anwälte der DaZ-lernenden Kinder sind wir dankbar, dass sich der Beobachter dieses Themen- und Problembereichs annimmt. Die Chefredaktion hat uns dankenswerterweise erlaubt, Tanja Pollis Artikel unseren Website-Nutzer*innen in voller Länge zur Lektüre anzubieten (Download am Ende dieses Beitrags). Im Folgenden beleuchten und vertiefen wir die Erkenntnisse dieses Artikels.

Kippmoment

Wir kennen den Begriff des Kipppunkts in jüngerer Zeit aus der Klimathematik. Er beschreibt einen Punkt, in dem wir die Dynamik kaum noch aufhalten und drehen können. Besonders in urbanen Gebieten und Agglomerationen ist der Anteil von Kindern mit deutschsprachlichem Rückstand deutlich über 30 % gestiegen. In der Folge ist die Erreichung der Lernziele eines Zyklus in Frage gestellt. Auch für erstsprachlich deutschsprechende Kinder.

Reagieren statt agieren

Die Lehrpersonen sind durch diese Dynamik in ihrer Lehrtätigkeit eingeschränkt. Sie müssen einfallsreich und geduldig ankämpfen gegen die Nebeneffekte und können den eigentlichen Stoff des vorgegebenen Lehrplans kaum einhalten. Aufreibend werden ihre Ressourcen durch das fortlaufende Reagieren gebunden. Sie können kaum agieren und nach vorne blickend arbeiten. Das schränkt auch den Lernerfolg von erstsprachlich deutschsprechenden Kindern ein.

Peer-Learning reduziert

Die Schwächung des gegenseitigen Lernens vor und nach der Schulglocke, auf dem Heimweg und im Hort verstärkt sich und wird zur Hypothek für die Chancengleichheit unter den Kindern. Dieser beziehungsorientierte Teil des Lernens in Peergruppen ist kaum planbar und geschieht ausserhalb des Lehrplans. Er ist aber im Grunde ebenso wichtig wie das schulische Lernen nach Stundenplan.

DaZ ist wirksames Gegenmittel

Wo entsprechend ausgebildete DaZ-Lehrpersonen dank separativem Unterricht mit einem Teil der Klasse zielgerichtet auf den DaZ-Erwerb einwirken können, besteht die Chance, für alle in der Klasse eine wesentliche Verbesserung zu erreichen. Denn auch auf Peerebene und sogar in den gemeinsamen Schulstunden aller können sich Erfolgserlebnisse der DaZ-Lernenden mitreissend positiv auswirken.

Hervorheben und anerkennen müssen wir auch die Resultate neuester Sprachstandserhebungen aus dem Kanton Baselland, welche zeigen, dass auch Kinder deutschsprachiger Eltern sprachliche Defizite haben. Eine stark vermutete Ursache dafür ist die massiv gewachsene Bildschirmzeit mit Smartphones und Tablets sowohl bei Kleinkindern wie auch bei den Eltern. Dadurch verringert sich und verarmt die Kommunikation zwischen beiden Seiten. Offenbar führt das bereits zur Forderung, dass man auch «einheimischen» Kleinkindern sprachliche Förderung zukommen lassen kann.

Frühförderung hilft

Ein weiteres Gegenmittel zur beschriebenen Entwicklung ist Frühförderung. Vielerorts wird angeregt, dass Kleinkinder ausserhalb der Familie verstärkt sprachlich gefördert werden. Wissenschaftlich erhobene Daten aus der Stadt Basel zeigen sehr ermutigende Effekte auf die Schulzeit. Mutmasslich auch langfristig, weil sich schon kleine Lernerfolge im weiteren Verlauf positiv und stärkend auswirken können.

Spezialfall Deutschschweiz

Im Gegensatz zu den meisten übrigen Grossregionen des deutschen Sprachraums ist die Schweiz besonders herausgefordert. Aus zwei Gründen: Erstens ist das Schweizerdeutsch sprachlich sehr eigenständig und anders als Deutsch. Einheimische Kleinkinder lernen folglich im Vergleich am wenigsten Deutsch und müssen mit Beginn der Schulzeit zusätzlich die Differenz aufarbeiten und verstehen. Und zweitens ist der Anteil an fremdsprachigen Menschen an der Gesamtbevölkerung in der Schweiz schon seit vielen Jahrzehnten höher als in Deutschland und Österreich. In der Schweiz stellen sich die oben beschriebenen Probleme durch den hohen Anteil an nicht muttersprachlich Deutsch sprechenden Kinder deutlicher und ausgeprägter.

Forschung

Die Wirksamkeit des DaZ-Unterrichts sähen wir gerne durch wissenschaftliche Forschung überprüft. Wir verstehen, wie komplex und aufwändig solche Forschungsarbeit ist. Selbstverständlich können wir den Nutzen von DaZ nicht auf Kosten von Vergleichsgruppen erheben, die konsequent von DaZ-Unterricht ausgeschlossen würden. Was bei pharmazeutischer Forschung beim Einsatz von Placebos knapp geduldet wird, würde im Falle der Sprachbildung unserer Kinder jede Ethikkommission zu Recht auf die Barrikaden steigen lassen. Wir sehen aber durchaus Möglichkeiten, wie dieses Forschungsziel angegangen werden könnte. Wir bieten uns an, mit zuständigen Stellen der Hochschulen mögliche Wege zu erörtern und zielgerichtete Studien einer Realisierung näher zu bringen.

Fazit

Anders als beim Kippmoment bei den klimatischen Veränderungen kann der dynamische, problematische Trend im Bereich des Spracherwerbs an unseren Schulen vergleichsweise kurzfristig gebrochen werden. In diesem Sinne erhalten wir uns einen gewissen Optimismus. Wir wirken darauf hin, dass wir gemeinsam mit allen involvierten Parteien und Institutionen eine Trendwende erreichen.

Thomas Gränicher

«Spricht hier jemand Deutsch?» von Tanja Polli (Beobachter) zum Downloaden.

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